Erneut ein Beweis für den frühen Widerstand gegen S21

Nicht nur 1996 im Rathaus, wie dieses Video zeigt, gab es bereits Widerstand gegen Stuttgart 21 sondern auch der damalige Kreisrat des Kreistags Esslingen Steffen Siegel hat 1999 die nachfolgende Rede vor dem Kreistag gehalten. Doch zunächst ein paar erklärende Worte von Steffen Siegel selbst:

In den achtziger und neunziger Jahren war ich Kreisrat für die Grünen im Kreistag in Esslingen.
Drexler war damals auch im Kreistag (heute immer noch).   Ich bin seit dem erfolgreichen, gemeinsamen Kampf gegen eine Müllverbrennungsanlage  in Esslingen Sirnau per Du mit ihm. So spielt das Leben.
Meine letzte Rede dort (am 22.7.1999), bevor ich mich aus der Parteipolitik weitgehend zurückzog, bezog sich auf einen Antrag der Freien Wähler. Damals stand S 21 auf der Kippe, da vor allem das Geld für die Weiterführung, Wendlingen-Ulm, fehlte. Damals fand das, jetzt wieder ausgegrabene Gemauschel statt  zwischen Land und Bahn, bei dem auch Mappus, ich glaube als Staatssekretär mitgemischt hat.
Weil S 21 wankte, wollten die Freien Wähler, dass der Kreis Esslingen eine „Unterstützungsresolution zu S 21“ verabschiedet, was ja dann auch so geschah.
Dazu habe ich vor dem Kreistag die angehängte Rede gehalten, die die Resolution natürlich nicht zu Fall brachte und in der Presse praktisch nicht wahrgenommen wurde.

Die Rede ist jetzt rückblickend vielleicht interessant:

  1. weil eigentlich schon damals alle wesentlichen Punkte klar waren. Es wird ja immer gesagt, warum kommt ihr erst jetzt mit eurer Kritik.
  2. weil ich schon damals gegen die Schnellbahntrasse entlang der Autobahn und für einen Ausbau der bestehenden Filstalstrecke plädierte. Nachdem jetzt wieder zunehmend die Schnellbahntrasse – zu Recht- in Frage gestellt wird, ist meine damalige Argumentation für euch  vielleicht heute wieder interessant.

Und nun die Rede

Der vorliegende Antrag ist nichts anderes als der klägliche Versuch, eine Totgeburt gesundzubeten.

Worüber sprechen wir?
Stuttgart 21 bis Wendlingen soll 5 Milliarden DM (!) und die Trasse an der Autobahn bis Ulm weitere 3 Milliarden kosten. Zusammen 8 Milliarden DM. Da setzt unser Vorstellungsvermögen aus. Würde man täglich eine halbe Million ausgeben, dann würde es 44 Jahre dauern bis man bei 8 Milliarden angelangt ist. Man hätte also 1955 beginnen müssen, täglich eine halbe Million zurückzulegen, um den Betrag heute beisammen zu haben.

Schon frühzeitig sagte die Bahn intern, dass dies nicht finanzierbar sei.
Von Beginn an war die Planung so,

  •   dass der Steuerzahler 40% von S21 bezahlen sollte.
  •   30% will man durch Grundstücksverkäufe bekommen.

Dies klappt, wie man sieht, nicht. Deshalb tätigte die Stadt Stuttgart, die ja nun auch kein Geld hat, massive Aufkäufe und ging unverantwortliche Bürgschaften ein. (Rahmenvertrag)

  •   Den Rest erhoffte man sich durch Mehrerlöse der Bahn.

Doch selbst im bisher erfolgreichen Schnellbahnverkehr gehen die Erträge zurück. Also nichts als Luftschlösser. Die Finanzierung ist von Beginn an durch und durch unseriös.

Nun sucht man die Schuldigen in Bonn. Aber: Das einzige, was bisher aus Bonn kam, war die Zusicherung von Verkehrsminister Müntefering, dass er die von Bonn zugesagten Gelder auf jeden Fall zur Verfügung stellt, allerdings sagte er auch, dass aus Bonn kein Pfennig mehr zu erwarten sei, als versprochen. Da klingelten bei der Bahn alle Alarmglocken.
Das alte Spiel schien plötzlich gefährdet, nämlich das Spiel, im Laufe eines Planungsverfahrens viele neue Sachzwänge zu schaffen um dann erneut, weil es ja gar nicht mehr anders geht, den Steuerzahler abzuzocken.

Im übrigen, sagte die Bahn schon immer, dass die geeignete Ost—West Traversale die über Würzburg nach München sei. Schließlich beugte sich die Bahn aber dem politischen Druck aus dem Süden und plante gleichzeitig S21. Jedem informierten Menschen war klar: Diese Pläne stehen auf sehr tönernen Füßen.

Nur nebenbei sei bemerkt, dass die Planung auch städtebaulich höchst umstritten ist. Wir ruinieren mit Stuttgart 21 die bestehende Stuttgarter City und das neue Retortenquartier wird niemals 11000 Arbeitsplätze und 25 000 (erschwingliche) Wohnplätze schaffen, oder glauben Sie das wirklich ernsthaft? Und das ohne weitere Subventionen und ohne dass die Region ausblutet ? Gesundbeterei ?
(>> Architekturforum!)

Warum schwenkt die Bahn jetzt um?
Die Strukturänderungen und vor allem auch der Stellenabbau bei der Bahn führten überall zu Verspätungen, Unfällen und vor allem zu einem immensen Imageverlust. Dies wollte man werbewirksam mit Großprojekten überspielen. Bevor nun aber alles zusammenbrach, besann sich die Bahn endlich auf das Machbare. Sie muss jetzt dringend zuerst die Substanz in Ordnung bringen und das Bestandsnetz ertüchtigen (z.B. Neigetechnik). Für dieses Programm muss sie in den nächsten 10 Jahren 55 Milliarden aufbringen.
Vor diesem Kraftakt scheint alles andere zurückstehen zu müssen. Und so komme ich Grüner in die Situation, von Euch Konservativen fordern zu müssen: Macht endlich Realpolitik!
Der Fundamentalismus von Teufel und allen seinen Freunden, diese Politik des Alles oder Nichts, wird dazu führen, dass wir letztendlich mit leeren Händen dastehen.

Dabei gab es von Beginn an gute Alternativen, nämlich: Wir belassen es bei einem Bahnhof mit „Köpfchen“. Dieser ist nachweislich und täglich erfahrbar gut und wird seine Funktionalität noch steigern, wenn in absehbarer Zeit nur noch Züge fahren, die nicht mehr wenden müssen.
Ein 16-gleisiger Kopfbahnhof ist bahntechnisch besser, kunden-freundlicher und flexibler als ein 8-gleisiger Durchgangsbahnhof.
Also: Kopfbahnhof, wie in vielen anderen Großstädten belassen und ertüchtigen!
Auch hierbei wird ein großes Gelände frei, das vermarktet werden kann oder besser noch einem „Stadtpark“ angefügt wird.

Wir bauen eine Schnel1bahntrasse nach Ulm, entweder entlang der Autobahn oder wir ertüchtigen die Filstalstrecke. Ich persönlich halte die Filstalstrecke für die sinnvollere Alternative. Warum ? Etwa seit 1970, damals im Zusammenhang mit dem Netzausbauprogramm Bahn 2000 diskutierte man die Ertüchtigung der Filstalstrecke, da am Anstieg zur Schwäbischen Alb bei schweren Güterzügen eine zweite Lok nötig war; dadurch wurde der Gütertransport teuer, langsam und damit unwirtschaftlich.
Prof. Dr. Schwanhäuser plante in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bundesbahn deshalb damals den Ausbau dieser Trasse. Im Zuge des Geschwindigkeitsrausches forderte man später 300 km/h. Dies war aber im Filstal nicht umsetzbar.
Also kam Prof.Heimerl auf die autobahnnahe Trasse für den ICE.
(übrigens soll dort zukünftig auch nur 250 km/h gefahren werden!) Alles damals noch mit dem Kopfbahnhof in Stuttgart!
Anfang der 90er Jahre stellte die Politik, und nicht etwa die Bahn, die Forderung nach einer Tiefer- und Querlegung des Hauptbahnhofs auf. Gleichzeitig wurde die Fildermesse gefordert. Dennoch behaupten alle, das habe nichts miteinander zu tun!

Was sind nun die Probleme bei Stuttgart 21?
Die Autobahntrasse ist nur für den ICE und wenige andere Züge denkbar. Das heißt, der Güterverkehr und der Regionalverkehr laufen nach wie vor über das Filstal.
Die Bahn lehnt es aber ab, zwei Paralleltrassen zu bedienen. Also wird im Filstal nicht saniert, der Regionalverkehr wird ausdünnen, der Güterverkehr nicht mehr konkurrieren können (langsam und teuer).
Der Güterverkehr wird wegen S21 unsinnigerweise auf die Straße verlagert werden.
Die jetzige Filstaltrasse ist für tausende Anwohner an der Schwelle zur Gesundheits-gefährdung.

Eine Änderung wird nur stattfinden, wenn die Strecke saniert und ICE tauglich gemacht wird. (Leiserer Unterbau und moderner Lärmschutz; außerdem werden einige Tunnel gebaut werden).
Statt eine extrem teure, „elitäre“ Strecke entlang der Autobahn zu bauen und eine miese für den Rest im Filstal dahinvegetieren zu lassen, wäre es für alle Beteiligten sinnvoll die Filstalstrecke mit gehörigem Aufwand zu modernisieren und ICE tauglich zu machen. Hier würde jede investierte Million sofort der Bahn, dem Fahrbetrieb und den Anwohnern zugute kommen.
Bei S21 würde im Filstal nichts saniert, dh alle Arten von Zügen würden während der Bauzeit des Tiefbahnhofs weiter auf den alten Filstalschwellen fahren müssen und danach wären sie noch maroder.

Was wir jetzt brauchten ist kein Schauantrag, wie er uns vorliegt, sondern eine Forderung, wie ich sie im Februar beim Raumordnungs­verfahren 1997 hier vor dem Kreistag erfolglos erhoben habe. Zitat:
„Wir plädieren für den Erhalt des Kopfbahnhofs und des Bonatzbaus.
Wir plädieren für die vom Architekturforum vorgeschlagene Nutzung des aufgegebenen Teils des Bahngeländes. Wir plädieren für den Erhalt der bestehenden Gäubahntrasse. Wir beantragen eine ehrliche Untersuchung der „lean“ -Variante.“ Zitat Ende!

Die oben vorgeschlagenen Alternativen sind nur halb so teuer wie S21.
Deshalb ist auch der Vermarktungsdruck wesentlich geringer. Auch der Reisezeitgewinn nach Ulm ist etwa der gleiche wie bei S21. Wenn überhaupt, dann ist doch nur eine solche günstigere und sinn­vollere Variante realisierbar und nur dann würden wir nicht im so viel beschworenen Verkehrsschatten dahinvegetieren. Bei S21 allerdings erwartet uns nicht nur ein Schatten sondern tiefste Nacht.

Die lean-Variante oder die Filstalstrecke wäre bahntechnisch, städtebaulich und vor allem finanziell S21 haushoch überlegen. Diese Varianten beinhalten außerdem einen S-Bahn Ringschluss auf den Fildern.

Seien wir doch froh, dass ein größenwahnsinniges Projekt noch gerade rechtzeitig zu Grabe getragen wird und nicht noch Generationen unter den Mi11iardenschulden zu leiden haben. Und dabei hätten sie schon jetzt allen Grund unsere Verschwendergeneration zu verfluchen.

Wir wollen der Bahn den Vorrang geben, dem ÖPNV, dem Regionalverkehr und der Schnellbahn. S21 dagegen wird alle anderen Investitionen auf unabsehbare Zeiten blockieren.
Der neuste Vorschlag, Stuttgarts Hauptbahnhof zu verbuddeln und in riesigen Tunneln bis nach Wendlingen zu kommen und dort die Schnellbahntrasse zu beenden, zeigt dies überdeutlich. Ja denken die Herren vielleicht an einen Kopfbahnhof in Wendlingen um dann rückwärts weiter durchs unausgebaute Filstal zu donnern? Das wäre ja wohl Schwachsinn auf Schienen.

Vom gleichen Kaliber ist der Vorschlag von Herrn Wissmann, S21 privat vorzufinanzieren. Vorfinanzieren heißt, die nächsten 44 oder 88 Jahre wird abgezahlt und der Gürtel enger geschnallt. Uns, die Verursacher gibt’s dann schon lange nicht mehr.

Wenn uns der Kreis am Herzen liegt, dann fordern wir doch jetzt, wo S21 zu kippen beginnt, dass wir vor Ort nicht abgehängt werden, also, dass Kirchheim so schnell wie möglich mit der S-Bahn oder mit S-Bahn ähnlichem Verkehr und dass die Filderebene mit der S-Bahn oder einer Stadtbahn erschlossen werden.
Wir bitten darum, dass sich die Verwaltung dieser Kreisaufgabe mit ganzem Herzen annimmt, und dass das Gesundbeten maroder Prestige­projekte einer rationalen Politik weichen möge.

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