Brief von Guntrun Müller-Enßlin

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

zuvor: Alles was ich im Folgenden schreibe, schreibe ich als Privatperson.

Heute Abend ist viel von herber Enttäuschung die Rede. Ich frage mich, warum. Was haben
wir erwartet? Dass das Quorum nicht zu „knacken“ wäre, war eigentlich klar. Ich persönlich
habe es darüber hinaus auch für schwierig gehalten, eine einfache Mehrheit für den Ausstieg
zu erreichen. Dass unter den bestehenden höchst ungleichen Wahlkampf-Bedingungen
dann trotz allem ein vergleichsweise hoher Prozentsatz mit „Ja für den Ausstieg“ gestimmt
hat, kommt für mich dem viel beschworenen „Wunder“ gleich, falls man diesen Ausdruck
noch einmal bemühen will. In Stuttgart ist die Abstimmung bei hoher Wahlbeteiligung fast
Fifty-Fifty ausgegangen, im Ländle unter den einbetonierten Konstellationen mit einem
respektablen 42%:58%. Wenn die Volksabstimmung etwas gebracht hat, dann dieses, dass
nun klar ist, dass es sich bei den Befürwortern des modernisierten Kopfbahnhofs keineswegs
um eine zu vernachlässigende Minderheit handelt, wie bisher immer wieder kleinredend
unterstellt wurde, sondern um eine Bevölkerungszahl in Millionenhöhe, mit der zu rechnen
ist.
Angesichts dieser Überlegungen halte ich es für unangebracht (und auch für die
psychische Hygiene nicht besonders förderlich), über das Wahlergebnis mit Begriffen
wie „Niederlage“, „verloren“ usw. zu kommunizieren. Die Gegner haben nicht die Mehrheit,
das ist richtig.
Dennoch ist das Ergebnis respektabel, abgesehen davon dass es nichts, aber auch gar nichts
über Sinn oder Unsinn des Milliardenprojekts aussagt, und zu Gram und Depression ist
meiner Ansicht nach überhaupt kein Grund. Im Gegenteil: Nach einem Tag wie diesem
müsste eine umsichtige Landesregierung zu dem Schluss kommen, dass es höchst unklug
ist, ein Projekt gegen den Widerstand eines so hohen Prozentsatzes in der Bevölkerung
durchzupeitschen, selbst wenn es sich dabei nicht um die Mehrheit in Punkt und Komma
handelt.
Warten wir ab, was passiert. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass das Projekt nicht kommen
wird und zwar zu hundert Prozent. Fraglich ist nur, wie lange es bis zum endgültigen
Abgesang noch dauert und wie viel „verbrannte Erde“ bis dahin noch hinterlassen wird.

Trotz-allem-bleiben-wir-oben-Grüße

Guntrun Müller-Enßlin

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