Peter K.

Diese Habgier!

Im ersten Halbjahr 2010 habe ich mich noch nicht sonderlich für Stuttgart 21
interessiert.
Mir war schon klar, dass da mal wieder Geld in die Taschen der Banken, der
Immobilienhaie und der Industrie geschaufelt werden sollte und dass man zu
diesem Zweck Medien und Politiker geschmeidig gemacht hatte (ich weiss nicht,
ob es nicht strafbar wäre, das klarer auszudrücken). Aber das war ja nichts Neues,
nichts Besonderes. Gerade war die Abwrackprämie ausgelaufen, Länder und
Krankenkassen kratzten sich am Kopf und fragten sich, wo die Grippe-Pandemie
bliebe, für die sie der Pharmabranche so viel Impfstoff abgekauft hatten, und vor
allem lief gerade die „Bankenrettung“ auf Hochtouren. Da kam es ja auf 4 oder 5 oder
10 Milliarden auch nicht an.

Ende Juni sah ich dann am Kreisverkehr am Alten Friedhof dieses Plakat:

Zuerst wunderte ich mich ein wenig, denn ich fand, dass es nicht gerade ein gutes
Argument ist, dass überwiegend die „anderen“ zahlen müssen. Wenn meine Ansicht
richtig ist, wird sie dadurch nicht richtiger, und wenn sie falsch ist, wird sie dadurch
auch nicht richtig.
Aber mein Interesse war geweckt, und ich las und diskutierte ein wenig. Bald sah ich,
dass ich mich getäuscht hatte: wer für S21 war, benutzte genau dieses Argument bei
jeder Gelegenheit! Allerdings redeten die Menschen Klartext, und der ging so: „Wir in
Stuttgart und in Baden-Württemberg müssen immer für die anderen zahlen, für die im
Osten oder Norden oder im Saarland oder gar im Ausland, und das nur, weil wir reich
sind und die arm und unfähig! Jetzt sollen die doch mal für uns zahlen, das ist ja wohl
nur gerecht!“

So oder so ähnlich las ich es von Mappus, in den Leserbriefspalten der Zeitung,
hörte es auf der Strasse, in der Kneipe, in der S-Bahn.

Das fand ich schlimm.
Natürlich will ich, dass MEIN Fussballclub gewinnt (bzw. Oben bleibt!), natürlich
finde ich es gut, wenn die superteure Riesenrutsche in MEIN Freibad kommt und
nicht nach Möhringen! Aber wenn die Reichen (wir) den Armen (dem Osten, dem
Ausland) etwas von ihrem Reichtum abgeben, dann ist das doch normal! Normal
nach allen ethischen Begriffen, nach allen Religionen, und sogar nach unserem
Grundgesetz! Wie kann man denn daraus ableiten, dass die Armen auch mal einen
Teil zurückzahlen sollen, noch dazu für ein zweifelhaftes Projekt???
Es war den Oberen anscheinend gelungen, ihre eigene Habgier auf viele einfache
Menschen zu übertragen. Habgier ist eine Todsünde und vor Gericht ein „niederer
Beweggrund“. Unsere Politiker und unsere Medien hatten erfolgreich die niederen
Beweggründe der Menschen angesprochen! Gibt es denn Worte für eine derartige
moralische Verkommenheit???
Pfui Teufel!

Danach, es war inzwischen Juli, bin ich zu meiner ersten Demonstration gegen S21
gegangen. Es hielt mich nicht mehr an der Seitenlinie. Milliarden verschwenden
und sich selbst bereichern ist die eine Sache. Es ist mir egal, ob Mappus, Schuster
und Co. dereinst in der Hölle schmoren werden. Aber die Herzen der Menschen zu
vergiften – DAS GEHT ZU WEIT!
Viel habe ich gelernt seither, aber noch immer packt mich der Zorn, wenn ich diesem
Argument, dieser geborgten Habgier begegne am Bauzaun oder am Infotisch oder
sonst wo. Womöglich noch bei jemandem, der behauptet, er fühle sich christlichen
Werten verpflichtet…

Jaaa, ich beruhige mich ja schon…
Und auch die Sache mit dem Plakat am Kreisverkehr beim Alten Friedhof nahm ja
ein gutes Ende:

Vaihingen, 30.12.2010
Peter

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